Irrland

14 Episoden aus Losertown

Irrland 6

Killer und Thomas sitzen in der Straßenbahn. Sie fahren mit einem Schulfreund von Thomas mit. Stephan.
Stephan ist schon was älter und spielt in einer Band Schlagzeug.
Sie wollen zum Bunker in der Moltkestraße. Dort probt Stephans Band. Und er hat da sein Schlagzeug stehen. Stephan will ein paar Felle aufziehen. Es ist nicht das erste Mal, dass er die Jungs mit nimmt.
Von der Haltestelle laufen sie ein Stück. Der alte Bunker liegt versteckt unter Bäumen. Er den Luftangriff Ende 44 auf die Stadt ganz gut überstanden.
Stephan hantiert mit seinem Schlüsselbund, doch die Bunkertür ist schon auf. Während sie die Stadt hinter dicken Mauern verlassen, hören sie innen einen schallenden Krach.
"Das ist die Punkband", erklärt Stephan, "die mögen wir nicht."
In dem Raum von Stephans Band ist alles mit dicken Teppichen ausgeschlagen. Wände, Boden, nur die Decke ist nackter Beton.
Thomas schaut sich alles genau an. Killer raucht eine. Stephan schraubt Trommeln auf, legt die neuen Felle drauf und spannt sie an.
"Wieviel kostet so ein Verstärker?" fragt Killer.
"Der Marshall da? Mit gut tausend bist du dabei." Thomas lässt einen Piff ab.
"Und dein Schlagzeug?" Killer sucht einen Aschenbecher.
"Komplett? Dreitausend. Aber dafür nur vom feinsten."
Thomas: "Darf ich auch mal?"
Stephan lässt ihn an die Schießbude. Thomas macht es gar nicht schlecht. Er hat hier schon öfters geübt.
Jetzt setzt sich Stephan an das Schlagzeug und spielt sich ein.
Über die anderen brechen Ohrfeigen von Beckenschlägen, Leibschläge von der Baßdrum und Fausthiebe aus Snareschlägen ein.
Als es vorbei ist, ist Thomas begeistert. Killer applaudiert.
"Willste auch mal?" fragt Stephan Killer grinsend.
"Och, nö. Laß mal. Wie wär's mit einem Bierchen?"
Stephan schließt den Proberaum wieder ab. Auf dem Weg zur Straßenbahn kauft sich jeder an einem Büdchen ein Alt.
In der Bahn sitzen sie ganz hinten und trinken Bier. Thomas lässt sich von Stephan von seinen Auftritten mit der Band erzählen. Killer fragt nach, wie viel man mit einem Auftritt verdienen kann.
Es fängt an zu regnen. Klatschend schlägt der Regen auf die Straßenbahn ein.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 2

Die Straßenbahnfahrt scheint endlos. Killer nimmt das aber nicht wahr. Er sieht nur die Regentropfen an den Scheiben.
Die Tropfen kommen von oben, rutschen in einem verzweigten Kanalsystem am Glas herunter und vereinigen sich unten.
Der Weg in die Stadt. Straßen. Ampeln. Straßen. Ampeln. Die Bahn fährt eine Kurve. Ostwall. Aussteigen.
Unter der großen Uhr steckt er sich eine an. Er geht die Fußgängerzone hoch. Die Passage rein. Killer geht in das Plattengeschäft.
Er kauft die neue von ... . Die Verkäuferin steckt die LP in eine Tüte. Killer klemmt sich die Tüte unter den Arm.
Draußen sieht er einen angeleinten Hund vor einer Parfümerie. Das Tier winselt, das Fell klamm und feucht.
Killer wartet an der Haltestelle auf die Straßenbahn zurück. Sein Mofa ist kaputt. Er kann es selbst nicht reparieren, es muß in die Werktstatt. Aber Mutter rückt kein Geld dafür raus. Mutter meint, er könne ja wieder ein bisschen Rad fahren wie früher. Er wird Opa nach Geld für die Werkstatt fragen.
Zuhause zieht er seine Westernstiefel aus. Stapft auf Strümpfen in sein Zimmer. Legt die neue Platte auf. Sie ist gut.
Es klingelt an der Haustür. Killers Freundin Bille ist da. Sie gehen auf sein Zimmer. Mutter ist nicht da.
Killer bietet Bille eine Zigarette an, sie will nicht. Killer küsst Bille, greift ihr unter den Pullover. Bille will nicht.
"Was ist los?"
"Ich weiß nicht."
Killers Freundin fängt an zu weinen. Leise in ihre Pulloverärmel.
Er kratzt sich am Kopf.
"Wein nicht!"
Bille beruhigt sich etwas. Hört auf die Musik.
"Neu?"
"Ja, gerade aus der Stadt geholt."
Sie sitzen auf Killers Bett und hören Musik. Bille geht, bevor es dunkel wird. Bei ihr Zuhause gibt es Abendessen.
Mutter ist gekommen.
"Tschüß, Sybille!"
Mutter fragt ihn, ob er was essen will. Killer, der sein Zimmer lüftet, meint nein.
Killer legt die Nadel noch mal aufs Vinyl.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 1

Die Lavalampe blubbert lautlos vor sich hin. Killer dreht sich eine. Sie trinken indischen Tee. Hören Songs wie "Astronomy Domine" und "Interstellar Overdrive".
Die Mädchen der Clique sprechen über Mantras, Mandalas und Gesundheitsarmbänder.
Killer: "He, Leute! Wie wär's? Fahren wir ins Kino?"
Thomas: "In welchem Film?"
Die beiden Mädchen bleiben davon unbeeindruckt. Sie reden nun über Hypnose.
Killer drückt verkniffen seine Kippe im fast vollen Aschenbecher aus.
"He, Thomas", fragt er, "wann ist noch mal Weltuntergang?"
Thomas trinkt 'ne Sinalco.
"Nächste Woche Dienstag."
"So war es jedenfalls letztes Jahr", fügt er hinzu.
"Hm."
Killer rührt mit der toten Kippe in der Asche herum. Er wirft nun Kippen auf die Mädchen.
"He! Laß das!"
"Hör mit der Sauerei auf!
Iiih!"
Killer steht auf. Hebt seine Jacke vom Boden auf, schleudert noch einen Zigarettenstummel in Richtung Mädchen.
"Thomas, kommste mit?"
"Wohin?"
"Weiß nicht."
Thomas schluckt Sinalco.
Killer sagt: "Tschüß!"
Keiner hört ihn. Er geht.
Es ist bloß eine kleine Stadt. Ein Vorort von etwas noch langweiligerem.
Killers Westernstiefel knirschen im weißen Kies vor dem Haus. Killer nennt das Kaff "Losertown". Bislang war der Sommer so verregnet wie jeder Sommer hier.
Er startet sein Mofa. Fährt mit dem Helm am Lenkrad los. Es ist spät, die Bullen gucken längst in der Wache Fernsehen. Der Himmel hat sich geöffnet. Killers Mähne fliegt im Fahrtwind nach hinten. Sein Mofa knattert in Richtung Pommesbude.
Dort stehen immer die geilsten Motorräder. Die Fahrer halten für 'ne Pommes rot weiß und 'ner Flasche Alt an.
Killer hält an einer roten Ampel. Schräg gegenüber ist oben Licht im Fenster. Er beugt sich über den Lenker. Eine Pfütze auf dem Asphalt reflektiert das Licht der Straßenlampe.
Es wird zum dritten Mal grün, als Killer losfährt. Niemand mehr unterwegs zu dieser Zeit. Nur das übliche Getöse, das von der Umgehungsstraße rüber weht. Die Pommesbude ist schon geschlossen.
Killer bockt sein Mofa am stillgelegten Bahnhof auf. Er will über die Schwellen gehen, weil es verboten ist.
Die Gleise schneiden einen Weg quer durch Losertown. Man kann in die Häuser sehen, die am Bahndamm grenzen.
Im Haus von Thomas Stille. Nichts rührt sich, sind wohl alle schlafen gegangen. Killer träumt und stolpert, weil er nicht im Rhythmus der Schwellen geht.
Da ist ein Fenster, das direkt zu den Schienen zeigt, offen. Killer schaut hinein. Er überlegt. Das Haus der Pfeiffers oder schon das der Bolles? Er weiß es nicht.
Es ist ein altes Badezimmer. Beleuchtet von einer nackten Neonröhre. Unter dem Fenster die volle Wanne, noch eine emaillierte Stahlwanne.
Killer geht in die Hocke. Lautlos dreht er sich eine. Aber er steckt die Kippe nicht an. Er steckt die Fluppe hinter sein Ohr.
Nach dem Haus der Pfeiffers kommt das der Baschewskis, dann...
"Wo bin ich bloß?" flüstert Killer.
Da kommt jemand im Bademantel zur Tür herein. Das rote, lange Haar ist hochgesteckt. Sie streift den Bademantel ab und steigt in die Wanne.
"Wow!"
Killer presst seine Faust auf den Mund. So leise er kann, schleicht er zurück. Als er weit genug ist, fängt er an zu rennen.
Zuhause empfängt ihn die Mutter.
"Wo warst du so lange?"
"Och... "
"Geh schlafen. Morgen kommen die Lammers zu Besuch. Sie bringen eine Austauschschülerin aus Irland mit."
Im Bett ist Killer alles klar. Zwischen den Baschewskis und den Bolles liegt das Haus der Lammers.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 8

Im Keller bei Thomas Zuhause. Thomas spielt gegen seine Schwester Birte Tischtennis. Birte ist anderthalb Jahre jünger als Thomas. Sie geht auf ein Gymnasium.
Killer steht in einer Ecke und guckt zu. Bier trinken oder rauchen ist nicht. Birte würde es verpetzen.
Die Schwester gewinnt gegen den Bruder souverän Punkt um Punkt.
Birte zu Killer: "Was willst du mal werden?"
Und sie schmettert den Ball über die Tischtennisplatte zum nächsten Punkt.
"Weiß nicht. Elektriker oder so was."
Birte hat Aufschlag. Birte punktet wieder.
Sie: "Ich möchte studieren. Soziologie. Und ich will drei Kinder haben. Ups!"
Thomas hat seinen ersten Punkt gemacht.
Killer betrachtet Birte genauer. Sie ist eine Frohnatur. Beweglich und knackig. Ihr Haarzopf wippt lustig beim Spiel hin und her. Killer beschließt: Das ist eine anstrengende Frau. Selbstbewusst und fordernd.
Thomas erster Punkt ist auch sein letzter Punkt. Birte gewinnt wieder.
"Kannst du auch Tischtennis spielen?" fragt sie Killer.
"Nö", lügt er.
"Ich habe genug für heute", Birte legt den Tischtennisschläger auf die Platte, "ich geh nach oben." Sie flitzt die Kellertreppe hinauf.
Thomas ist außer Puste.
"Irgendwann mache ich das Biest mal fertig!"
"Lohnt nicht", presst Killer zwischen den Zähnen aus.
Die beiden stiefeln die Treppe hoch. Thomas holt sich aus dem Kühlschrank ne Sinalco. Trinkt gierig.
Er fragt: "Willst du nicht mal mit Billes Freundin ausgehen? Die ist noch zu haben."
"No comment."
Thomas: "Ach, hab dich doch nicht so."
Killer drückt sich in einen Winkel und dreht sich eine.
"Wollen wir in den Garten gehen?"
Im Garten marschieren beide nach hinten. Sie klettern über den Zaun und setzen sich auf die Gleise.
Killer zündet sich die Kippe an.
Thomas: "Wie ist das, wenn man eine Freundin hat? Hast du mit Bille auch gefummelt?"
Killer: "Thomas! Laß mich in Ruh!"
"War doch nur eine Frage!"
"Du verstehst das nicht! Weiber sind einfach... ", Killer sucht das Wort, " ... sind einfach Weiber!"
"Hm-mh."
Sie schweigen.
Birte steigt in ihre Reitsachen. Reiterhose, Stiefeln. Sie fährt mit dem Rad fünf Kilometer, um ihr Pferd auszureiten, füttern und den Stall sauber zu machen.
Killer hat sich von Thomas verabschiedet. Der Zweitakter seines Mofas knattert ihn nach Hause. Dort schließt sich Killer in sein Zimmer ein.

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Irrland 9

Opa ist verreist. Killer soll im Haus nach dem rechten schauen.
Killer trinkt Opas Bier. Er nimmt Opas Luftgewehr. Der alte Herr schießt damit immer Tauben ab. Killer lädt das Gewehr und raucht einen von Opas Zigarillos.
Killer versucht im Garten kleine Äste von der Eiche wegzuschießen. Er versieht diese selbstgestellte Aufgabe mit Sorgfalt und Ausdauer.
Danach gießt er Opas Blumen.
Killer braucht noch Bier. In Opas Keller entdeckt er eine Schnapsflasche. Er weiß auch, wo die Schnapsgläser stehen.
Huch! Das Hochprozentige zieht einem die Schuhe aus.
Killer ist betrunken. Er fläzt sich auf Sofa und schaltet den Fernseher ein. Es läuft eine Vampirkomödie.
Im Finale des Films tanzt der Professor mit seinem Gehilfen im Ballsaal mit vielen anderen Vampiren. Als sie vor einen Spiegel kommen, sind die Vampire nicht zu sehen. Eine blutgierige Jagd beginnt.
Das Rauschen des Fernsehers weckt Killer. Sendeschluß. Mühsam steht Killer auf und schaltet den Fernseher aus. Er sucht eine Decke. Stolpert im Dunkeln über das Gewehr und macht sich lang.
"Scheiße!"
Als Killer Licht macht, findet er eine Decke. Licht aus, zurück aufs Sofa, sich eingewickelt und weiter geschlafen.
Killer verschläft den Morgen. Die Tauben im Eichenbaum gurren.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 10

Killer. Killer begegnet mir.
In der Pommesbude sieht er einen über dreißig jährigen Mann, der eine doppelte Portion Pommes vertilgt. Ohne Ketchup. Ohne Mayo.
Killer holt sich zwei eiskalte Flaschen Alt. Er ist mit seinem Mofa vorgefahren. Die zweite Bierflasche ist für Thomas, der zu Fuß nachkommt.
Ich sehe, wie sich der junge Mann mit der Lederjacke eine Kippe dreht. Er sucht vergeblich Feuer. Ich halte Killer mein Feuerzeug hin. Er nickt.
Es ist zugig. Das Feuerzeug geht beim ersten Mal aus. Killer hält seine Hände schützend um das Feuerzeug in meiner rechten.
Mit der nächsten Flamme zünde ich seine Zigarette an. Killer tippt mit einem Finger an meine Hand, was man tut, wenn es geklappt hat. Thomas kommt. Die Jugendlichen ziehen ab.
Ich esse meine Pommes auf. Zahle und gehe.
Killer hat mich berührt. Er ist jetzt ein Teil von mir. Ich kenne seine Gedanken, seine Wünsche, seine Träume.
Killer wacht mitten in der Nacht auf. Schwer atmend. Er hatte einen Alptraum.
Viele Kilometer entfernt sitzt ein über dreißig jähriger Mann am Computer und schreibt Killers Geschichte.
Killer kann nicht mehr einschlafen. Leise, um nicht Mutter aufzuwecken, geht er in die Küche. Dort gibt es noch Pfannekuchen und Apfelmus. Killer macht sich darüber her.
Der Autor von Killers Geschichte zieht an seiner Zigarette. Er kocht sich einen Tee. Diese Nacht wird lang.
Killer öffnet das Fenster seines Zimmers. Das Licht ist aus. Er blickt auf den Hinterhof. Dort parkt sein Mofa. Mutters Fahrrad, sein altes Rad, die Winterreifen von Mutters Wagen. Blumenkübel, Gießkanne, ein zusammengeklappter Campingstuhl im Licht der Straßenlaterne. Die Hofmauer trennt den Hof von der Straße und den umgebenden Grundstücken.
Hier hat Killer als Kind Ball gespielt.
Der Autor löscht den letzten Satz.
Hier bastelt Killer an seinem Mofa. Die Zündkerze war letztens mal wieder fällig. Killer horcht. Stille. Die Mutter schläft tief.
Killer raucht. Hat sich aufs Bett geschmissen und starrt durchs Fenster in den Himmel.
Der Autor weiß, was Killer denkt, aber schreibt es nicht auf.
Die aufgerauchte Kippe versteckt Killer in einem Marmeladenglas, das er fest zuschraubt und hinter den Büchern im Regal versteckt. Er schließt wieder das Fenster.
Er hat Billes Foto vom Passfotoautomaten noch nicht aus seiner Brieftasche entfernt. Er macht es jetzt. Aber wohin damit? Verbrennen? In einen Briefumschlag stecken und bei Bille einwerfen? Er zerreißt das Bild in kleine Stücke und wirft es in den Papierkorb.
Killer holt geräuschlos das Lederfett aus dem Flur. Er fettet seine Lederjacke ein. Er vergisst keine Stelle. Killer rasiert sich elektrisch in seinem Zimmer. Es gibt noch nicht viel zu rasieren, aber er vergisst keine Stelle. Killer macht sein Bett. Er putzt seine Stiefel bis sie wieder glänzen.
Die Mutter findet am nächsten Morgen ihren Sohn auf dem gemachten Bett liegen mit einer Schuhbürste in der Hand.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 11

Als die Lammers mit der irischen Austauschschülerin vorbei kamen, hat Mutter Kaffee und Gebäck gereicht. Die Irin heißt Vicky und konnte einigermaßen die für sie fremde Sprache.
Zweimal sprach Vicky Killer an, der blieb einsilbig, er hat nichts übrig für Kaffeetafeln. Zum Schluß gab Vicky Killer die Hand und sagte: "Vielleikt sehen wir wieder."
"Kann sein."
Heute steht Killers Mofa an der Pommesbude aufgebockt. Killer lehnt rauchend daran. Er überlegt, wie er den lausigen Nachmittag rumkriegt. Die Sonne bricht öfter aus den Wolken hervor und wärmt seine schwarze Lederjacke.
"Hello!"
Killer dreht langsam seinen Kopf. Die Irin. Er stellt sich richtig hin.
"Hallo."
"Ich fräue mick, dich wieder-zu-sehen." Sie trägt ein Baumwollkleid, das blaurot längs gestreift ist.
"Ja, schön."
Vicky betrachtet Killers Mofa.
"Ist das deine Motorbike?"
"Ja."
"Wie schnäll kann es?"
Killer lächelt.
"Für die Polizei fährt es 25 Stundenkilometer, für mich 43 Stundenkilometer."
"Ja?" Vicky lacht.
"Mein Bruder in Ireland hat Machine, die fahren hundert und dreißick."
"Welche Marke, welcher Typ?"
Sie denkt eine Weile nach. "Oh, ich nicht weiß."
Schweigen.
Sie: "Muß nun zurük zu Mister and Misses Lämmers. Wir werden coffee haben gleich."
"Wiedersähen."
"Tschüß."
Killer sieht ihr nach. Vickys langes, lockiges Haar schimmert im Licht, das durch die Wolken bricht.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 12

Killer steht mit seinem Mofa an der Friedhofsmauer. Es ist schon dunkel.
Die Glut seiner Zigarette wirkt ebenso unscheinbar wie die Grablichter der Toten.
Killer denkt an eine Geschichte, die vor Jahren passiert ist und ganz Losertown erschüttert hat.
Cronenbecks Fritz hatte geheiratet. Die Frau kam von außerhalb. Das Paar wohnte am Rande von Losertown in einem der hohen Häuser.
Der Ehemann wurde wegen Trunkenheit aus dem Dienst entlassen. Die Ehefrau stand mehrere Stunden am Fenster ohne hinauszusehen. Stand da Tag für Tag.
Eines Tages warf sie sich vor den fahrenden Zug. Cronenbecks Fritz heiratete darauf wieder. Und er bekam wieder eine Stelle in der Tuchfabrik.
Killer weiß, Selbstmörder werden nur auf dem städtischen Friedhof begraben, nicht hier auf dem kirchlichen. Er schnippt die Kippe von sich, startet sein Mofa und tuckert langsam nach Hause.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 13

Killer‚ Thomas, Monika, Billes Freundin, und Vicky, die irische Austauschschülerin stehen vor dem Kino und diskutieren lautstark, in welchem Film sie gehen wollen.
Klar, die Mädchen wollen in einen romantischen Film, die Jungs in einen Actionfilm. Abstimmen geht immer in die Hose, weil sie zu viert sind. Schließlich einigen sie sich auf einen Steven Spielberg Film.
An der Kasse müssen sie warten, bis drei Punks bezahlt haben. Es gibt ein ausgeklügeltes System von Parkett- und Sperrsitzpreisen, dem Kinotagpreis, Erwachsene-, Jugendliche- und Kinderpreise, Ermäßigung mit Schülerausweis etc.
Killer kauft neben der Kinokarte noch vier mal Schokoriegel an der Kasse. Die Gruppe muß sich beeilen, die Werbung hat schon angefangen.
Im Kinosaal müssen sie sich im flackernden Dunkeln ihre Sitze aussuchen. Die Mädchen sitzen zwischen den Jungs.
Die Werbung ist zuende, der Gong, und der Film fängt an. Das Kino ist an diesem Tag nicht voll.
Während der Vorstellung schielt Killer immer zu Vicky rüber. Killer sitzt rechts von den Mädchen, neben ihm Monika. Diese nervt ihn, da sie seine Blicke für sich interpretiert, und ihn zurück anhimmelt.
Während der Film läuft, gibt es Unruhe, weil die Punks Leute anpöbeln und leere Bierflaschen unter die Sitze rollen lassen.
Als der Film aus ist, drängt alles nach draußen. Dabei schubst einer der Punks Killer im Treppenhaus. Killer dreht sich um und zischt: "Laß das!"
Die Typen sind jünger als Killer, aber ziemlich frech. Der, der ihn geschubst hat, zeigt ihm den Mittelfinger.
Killer boxt ihn in den Magen, dass er auf den Stufen zusammenbricht. Die beiden anderen johlen: "Da will einer Ärger!"
Killer erreicht den Ausgang, wo die anderen stehen, und hetzt an ihnen vorbei.
"Punks!" kann er Thomas noch zurufen.
Killer auf der Flucht. Er rennt ein, zwei Blocks weiter, bleibt stehen, guckt sich um, nix zu sehen, er geht einen Umweg zur Straßenbahnhaltestelle. Dort findet er Thomas, Monika und Vicky.
Thomas will wieder alles genau wissen. Die Mädchen unterhalten sich über Haarpflege.
"Läßt du die Haare halbgefönt trocknen, oder fönst du sie ganz?" fragt Monika Vicky.
Die Straba kommt.
Sie steigen ganz hinten in den zweiten Waggon ein. Die Schienen wachsen unter ihnen aus dem Boden. Die Sonne scheint.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 14

Klack. Daneben.
Die alte Fabrik steht seit Jahren leer.
Klirr! Treffer.
Hier wird nichts mehr neugemacht, hier wird nichts abgerissen.
Klack. Daneben.
Eine kleine Industrieruine vor Losertown.
Klack. Daneben.
Killer hat Steine gesammelt.
Klirr! Treffer.
Vicky ist wieder in Irland. Seit dem Kino hat Killer sie nicht mehr wieder gesehen.
Klirr! Treffer.
Dafür ist ihm Bille über den Weg gelaufen.
Klack. Daneben.
Sie hat wieder einen Freund.
Klirr! Treffer.
"Fuck!" Klirr! Treffer.
"Shitness!" Klirr! Treffer.
Killer ist hierher gefahren, um Scheiben einzuwerfen. Es ist ein düsterer, bewölkter Tag.
Klack. Daneben.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

 

Irrland 3

Opa hat das Mofa reparieren lassen. Es ist ein regenloser Tag. Killer düst zum Baggerloch. Thomas und die Mädchen sind schon da.
An der üblichen Stelle kettet Killer sein Mofa an. Er nimmt die Tasche vom Gepäckständer und geht runter zum Ufer.
Die Mädchen haben Badeanzüge an. Thomas ist in Shorts und T-Shirt. Er guckt die ganze Zeit schon unauffällig rüber zu den Bikini-Tussen, die sich einen Steinwurf weit entfernt sonnen.
Killer verteilt die Bierflaschen.
Er zieht seine Lederjacke aus. Er folgt Thomas Blick, grinst und meint leise zu seinem Kumpel: "Tittenalarm?"
"Noch nicht."
Wenn die Jungs viel Glück haben, ziehen sich nämlich manche Frauen ihr Oberteil aus.
Sybille und ihre Freundin flechten aus Gänseblümchen Kränze. Killer setzt die Bierflasche an. In einem Zug ist sie halb leer.
Die Mädchen nippen an dem Bier. Nun wollen sie schwimmen gehen. Aber das Wasser ist zu kalt. So kommen sie wieder zurück. Killer wirft seine Kippe in das Baggerloch.
Thomas: "Ich hab' gehört, du hast die neue von ... . Ist sie gut?"
Killer presst zwischen den Zähnen ein "Ja" raus.
Er trinkt gerade die zweite Flasche Bier leer. Ihm ist entsetzlich warm. Und schummrig. Er legt sich in den Sand, unansprechbar und sieht den Himmel sich drehen.
Als Killer wach wird, ist er allein. Kaum wer noch am Ufer. Seine Freunde haben ihm die leeren Pfandflaschen hingestellt. Bei einer Zigarette wird ihm schlecht. Er kotzt ins Gebüsch.
Zuhause empfängt ihn Mutter.
"Junge, du siehst blaß aus. Ist dir was?"
"Nee, nur die Hitze."

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 4

Bille hat so'n Schaumzeug besorgt. Sie hat die Tage abgezählt, an denen es am ungefährlichsten ist. Es ist für beide das erste Mal.
Sie ziehen sich aus.
Killers Herz klopft schnell. Er keucht.
Es tut Bille weh, und bluten tut sie auch. Doch Killer bringt es zuende.
Sie liegen nebeneinander. Killer möchte am liebsten eine rauchen. Bille weint unhörbar.
Sie liegen nackt bis zum Abend und rauchen. Killers Mutter ist zufällig ein paar Tage verreist.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

Irrland 7

Bille ruft an. Sie macht am Telefon Schluß mit Killer. Sie meint, es wäre das Beste für beide.
Killer sagt: "Wenn du nicht mehr willst, dann hat es auch keinen Sinn."
"Leb wohl." Die Leitung ist unterbrochen.
Killer holt sich ne Verstauchung in dem er mit der Faust gegen die Wand boxt. Scheiß Weiber.
Mutter kommt in die Diele.
"Was machst du da?"
Killer hält seine schmerzende Hand.
"Nichts."
"Wer hat denn angerufen?"
"Niemand!"
Mutter hebt ihren Zeigefinger: "Junger Mann!"
Da Killer den Blick eines gejagten Karnickels hat, seufzt Mutter nur und geht in die Küche.
Raus! Aufs Mofa und ab.
Killer fährt ziellos. Er merkt erst spät, dass er Losertown verlassen hat. In der ländlichen Umgebung tuckert er missmutig auf der Landstraße rum. Irgendwo hält er an und schmeißt sich ins Gras.
Weiber! Seine schmerzende Hand fällt ihm ein, und es schießen ihm Tränen ins Gesicht.
Mit Bille hatte er es getan! Zum ersten Mal. Jetzt ist er ein echter Kerl!
Und weint. Ist sauer auf sich, steht aber nicht auf.
Killer fühlt einen komischen Geschmack im Mund. Er fühlt seinen Kopf - so leer. Augen, Nase voller Rotz.
Weit hinten Kühe. Schwarzweiß gefleckte Viecher. Liegen rum und käuen wieder. Abends holt der Bauer sie zum Melken rein. Das weiße Gold bringt morgens der Kühlwagen weg.
Killer ist solo.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER

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Impressum

Literatur von C. Aschenbrenner

Irrland 5

Killer ist bei Thomas. Sie sitzen im Wohnzimmer und gucken Cartoons im Fernsehen. Thomas hat aus dem Bierkasten des Vaters zwei Flaschen aus dem Keller geholt. Seine Eltern sind nicht da.
Sie trinken und gucken. Tom, die Katze, wird in dieser Serie mindestens dreißig Mal unsanft aus dem Leben entlassen, steht auf und versucht das gleiche mit Jerry, der Maus. Killer gähnt.
Thomas: "Ich hab dich lange nicht mehr mit Bille gesehen. Ist was?"
Killer schaut nicht vom Fernseher auf. Er trinkt einen Schluck.
"Ich glaube, sie geht mir aus dem Weg."
Thomas versucht den Kronkorken in den Aschenbecher auf dem Fernsehtisch zu schnippen.
"Und?" Thomas wirft daneben.
"Machst du Schluß?"
"Weiß noch nicht."
Tom wird gerade hinter die aufgestoßene Tür eingeklemmt. Dünn wie Papier ist das, was von ihm bleibt. Jerry rollt daraus eine Kippe und raucht Tom weg.
Killer stellt die leere Bierflasche auf den Glastisch. Sie macht einen Rand, den Thomas Mutter nichts wie etwas anderes haßt. Im Fernsehen Vorabendnachrichten.
"Kommste noch mit?"
"Läßt du mich mal mit deinem Mofa fahren?"
"Mal sehen."
Thomas Eltern kaufen ihrem Sohn kein Mofa. Sie meinen, er soll warten, bis er den Autoführerschein machen kann, dann schenken sie ihm einen Anfängerwagen.
Auf dem großen Parkplatz an der Bank, der immer leer ist, lässt Killer seinen Kumpel ein paar Runden drehen.
Früher haben sie hier immer mit einem Tennisball Fußball gespielt. Bis so'n Typ von der Bank raus kam und es ihnen verboten hat.
Killer lässt Thomas noch 'ne Runde drehen. Dann winkt er ihm.
Thomas nimmt den Helm ab.
"Seitdem die Kiste in der Werkstatt war, läuft sie irgendwie besser, oder?"
Killer brummt ein "Ja" und steigt auf.
"Willste wieder los?" fragt Thomas. Killer befestigt den Helm am Lenkrad.
"Ich muß jetzt auch wieder nach Hause. Bier wegstellen bevor die Eltern kommen. Tschüß!"
Killer sieht Thomas vom Parkplatz gehen, um die Ecke verschwinden. Auf der Kirchturmuhr ist viertel vor sechs. Killer startet sein Mofa. Er kauft an der Tankstelle Tankmünzen. Füllt das Gemisch in den Tank. Schraubt den Tankdeckel fest. Eine bunte Sonne verschwindet später hinter den Häusern.

©HRISTOPH ASCHENBRENNER